|
Der „Mehter" gilt als älteste Militärkapelle der Welt und war ein Musikkorps, das der osmanischen Armee in Schlachten Mut machen sollte. Dass Erdoğan Mitsotakis in seinem Palast mit diesem Marsch empfing, hatte natürlich eine – nicht gerade freundschaftliche – symbolische Botschaft. Gleichzeitig erinnert die so heraufbeschworene Geschichte jedoch auch an den Rückzug des Osmanischen Reiches vom Balkan, zu dem auch Griechenland gehörte. Als sich das Osmanische Reich aus den Gebieten zurückzog, in denen Atatürk geboren wurde, wurde kein Mehter gespielt. Hätte Erdoğan doch nur denselben „imperialen Hochmut" auch gegenüber dem US-Präsidenten an den Tag gelegt, der ihm einen Brief mit den Worten „Sei kein Dummkopf" geschrieben hatte. Stattdessen empfing er Trump mit großer Begeisterung.
In der vergangenen Woche habe ich meinen Urlaub auf einer griechischen Insel verbracht und damit eine „Tradition des Exils" fortgeführt. Die meisten derjenigen, die die Türkei aus politischen Gründen verlassen mussten, stillen ihre Sehnsucht nach der Heimat in der dem Heimatland nächstgelegenen Region, indem sie sich mit Freundinnen und Freunden aus der Türkei treffen und zum gegenüberliegenden Ufer hinüber anstoßen. Bei dieser Tradition, die ich seit einiger Zeit pflege, beobachte ich, dass die Zahl der Touristen, die aus der Türkei auf die Inseln kommen, von Jahr zu Jahr zunimmt. Im vergangenen Jahr überstieg die Zahl der Touristen aus der Türkei nach Griechenland mit über 1,8 Millionen einen historischen Rekord. Die Zahl der Reisenden aus Griechenland in die Türkei ging hingegen zurück.
Fast alle, mit denen ich auf der Insel sprach, beklagten sich über die Preise, die Lebensbedingungen und den Druck in der Türkei und sagten, dass sie in Griechenland viel günstiger und entspannter Urlaub machten. Ein Präsident Erdoğan, der seine eigenen Bürgerinnen und Bürger an das gegenüberliegende Ufer desselben Meeres gezwungen hat. Und der zugleich dem Ministerpräsidenten des Landes, das seine Bürger aufnimmt, mit Verweis auf historische Wurzeln die Zähne zeigt. Finden Sie das glaubwürdig? Das Pro-Kopf-Einkommen des EU-Mitgliedsstaates Griechenland beträgt das 1,5-Fache desjenigen der Türkei. Das sind leider Tatsachen, die sich nicht mit Mehter-Prahlerei übertönen lassen...
|