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Nun folgte vergangene Woche eine neue Krise. Bei der Festveranstaltung zum 80. Jahrestag der Zeit in Hamburg sagte Von der Leyen, nachdem sie ihre Unterstützung für die EU-Erweiterung bekundet hatte, dass es nicht so weit kommen dürfe, dass die direkte Nachbarschaft der EU künftig „russisch beeinflusst oder türkisch beeinflusst oder chinesisch beeinflusst" sei.
Drei Sätze, die einander widersprachen: Die Türkei, seit 1999 EU-Beitrittskandidat, ist kein Gegner der Union, sondern Teil ihres Erweiterungsplans. Es war ein schwerwiegender Fehler, sie im selben Atemzug mit China und Russland zu nennen. Zumal Europa, wenn es denn „groß und strategisch" denken will, die Türkei nicht ausschließen, sondern für sich gewinnen muss.
Wie Nacho Sánchez Amor, der Türkei-Berichterstatter des Europäischen Parlaments, es formulierte: „Dieser Ansatz stand in völligem Widerspruch zu den Botschaften über eine verstärkte Zusammenarbeit in Sicherheits- und Verteidigungsfragen und war geopolitisch eine Fehleinschätzung."
Diese Haltung, auf höchster Ebene der Europäischen Kommission zur Schau gestellt, löste in der Türkei großen Unmut aus. Die ausgrenzende westliche Attitüde, die die Türkei allein als Truppenlieferant der NATO und als Damm gegen Flüchtlingsströme betrachtet, hatte ohnehin bereits tiefe europaskeptische Ressentiments im Land erzeugt.
Von der Leyen nun setzte die Türkei abermals auf ein weit entferntes Sofa, diesmal von Europa aus, und verschaffte damit jenen Eurasianisten, die rufen: „Unser Platz ist an der Seite Russlands und Chinas", einen gewaltigen Trumpf. Der Versuch ihrer Sprecherin, die Aussagen im Nachhinein zu glätten, verpuffte wirkungslos. Die „geopolitische Vernunft", die Europa in Abwesenheit der USA stärken soll, hat eine Türkei, die dem Westen gegenüber ohnehin schon mit Vorbehalt begegnet, ein weiteres Stück weiter weggedrängt.
Weiter weg, das kann im Zweifel bedeuten: in Richtung Moskau oder Peking. Rückt die Türkei der Linie Russlands und Chinas näher, wird Europa es bitter bereuen.
Den eigentlichen Preis aber werden jene in der Türkei zahlen, die einst für die Werte kämpften, die der Westen zu vertreten vorgab.
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