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Der Prozess entstand weniger aus einem eigenen Friedenswillen der Regierung als aus einer regionalen Notwendigkeit. Trumps Ankündigung, die USA aus Syrien abzuziehen, der Vormarsch der Dschihadisten, der wachsende Einfluss Israels im Nahen Osten und dessen Annäherung an die Kurden rückten Ankara in die Richtung einer Verständigung. Erdoğan verband damit zugleich die Hoffnung, den Verlust an Zustimmung im Inland durch kurdische Stimmen ausgleichen zu können. Zugleich durfte er seine über Jahre durch Ausgrenzungsrhetorik gefestigte konservative Basis nicht verlieren. Deshalb überließ er es seinem Partner, dem MHP Vorsitzenden Bahçeli, den Friedensprozess mit der PKK öffentlich zu tragen.
Dass der entschiedenste Verfechter des Kriegs sich über Nacht als Fürsprecher des Friedens präsentierte, war überraschend. Doch gerade er war der einzige Akteur, der nationalistische Reflexe einhegen konnte. Für Erdoğan eröffnete sich damit die Chance, den politischen Gewinn des Prozesses einzufahren, ohne selbst ins Risiko zu gehen. Kurz vor Schluss suchte er diesen Gewinn um einen weiteren Punkt zu erweitern. Sollte die CHP, die größte Oppositionspartei, den Verhandlungen ihre Unterstützung verweigern, ließe sie sich leicht als Partei darstellen, die keinen Frieden wolle. Damit ließe sich Distanz zu den kurdischen Wählerschaft herstellen und das Oppositionslager spalten. Eine Parlamentskommission wurde eingesetzt und die CHP eingeladen. Doch der Parteivorsitzende erkannte das Manöver und kündigte an, Vertreter zu entsenden.
Daraufhin folgte eine neue Volte. Bahçeli verlangte, die Kommission müsse nach Imralı reisen und den inhaftierten PKK Führer Abdullah Öcalan treffen. Die CHP fand sich erneut als Akteur in einem politischen Arrangement wieder, dessen Regeln sie nicht selbst bestimmt hatte. Dieses Mal sagte sie Nein.
Die Reaktion kam umgehend. Regierungskreise und große Teile der kurdischen Öffentlichkeit erklärten die CHP zur Kraft, die sich dem Frieden entgegenstellt. Die langjährige Repressionspolitik der Koalition aus AKP und MHP trat in den Hintergrund, während die CHP als Hindernis des Friedensprozesses präsentiert wurde.
Mit einer politischen Taktik umzugehen, die auf kurzfristige Vorteile ausgerichtet ist und kaum Prinzipien kennt, ist schwierig. Für die CHP dürfte nun vor allem eines entscheidend sein: eine eigene kurdische Politik und eine eigene Politik des Friedens zu formulieren und umzusetzen – unabhängig von den Plänen und den Fallen, die die Regierung legt.
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