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Das andere Bild entstand beim Treffen der Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen und des Präsidenten des Europäischen Rates Antonio Costa mit Präsident Ahmed al Schara in der syrischen Hauptstadt. Al Schara legte, da er Frauen nicht die Hand gibt, die Hand auf die Brust. Von der Leyen erwiderte die Geste auf dieselbe Weise.
Al Schara, der aus der dschihadistischen Nusra Tradition stammt, erhielt nach der Machtübernahme in Damaskus für die Krawatte, die er trug, Beifall aus westlichen Kreisen. Doch das Bild zeigt weniger seine Verwestlichung als vielmehr die Annäherung des Westens an seine Linie. Das ist nicht nur der Eindruck, den das zweite Foto vermittelt. Auch die Gleichgültigkeit des Westens gegenüber der Barbarei des ersten Bildes ist ein deutliches Zeichen dafür.
Aleppo wurde zu einem Prüfstein für alle Akteure, die in Syrien ihr Spiel treiben: Damaskus, Rojava, Ankara, Washington, Kandil, Tel Aviv, Paris, London. Im Kräfteverhältnis testete jeder seine Grenzen. Damaskus zeigte, dass es bei Bedarf erneut dschihadistische Banden einsetzen kann. Die SDG (die Syrischen Demokratischen Kräfte) waren gezwungen, sich zum Schutz Rojavas aus Aleppo zurückzuziehen. Während Kandil trotz der Haltung der SDG zum Widerstand aufrief, gab Washington zu erkennen, dass es die Kurden außerhalb Rojavas nicht schützen wird. Ankara wiederum kehrte mit der Botschaft „Wir sind bereit einzugreifen, wenn es nötig wird“ zu seinen ursprünglichen Positionen zurück.
Zunächst die Bombardierung der IS Stellungen in Syrien durch die internationale Koalition gegen den IS, anschließend das in Paris geschlossene Syrien - Israel Abkommen, all dies sind Anzeichen dafür, dass die von der Türkei angestrebte dominante Rolle über Damaskus nicht verwirklicht werden konnte.
Geht man davon aus, dass der seit eineinhalb Jahren von Ankara verfolgte sogenannte (kurdische) „Lösungsprozess“ vor allem durch die Entwicklungen in Syrien motiviert ist, dann werden die jüngsten Ereignisse auch die Beziehung zwischen Ankara und İmralı negativ beeinflussen. Rechnet man dazu noch die sich weiter zuspitzende Krise in Iran, kann man erahnen, welches Ausmaß an Chaos der Region bevorsteht.
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