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Das Besondere an dieser Operation war nicht nur, dass sie ein umfassendes Bestechungssystem offenlegte, sondern dass sie zugleich die Regierung und den damaligen Ministerpräsidenten Erdoğan ins Visier nahm. Nach monatelangen Telefonüberwachungen und Observierungen dokumentierten die Staatsanwälte Korruptionsfälle, an denen mehrere Minister und der Ministerpräsident selbst beteiligt waren. Nachdem die Polizei an jenem Morgen die Wohnungen der Ministerkinder durchsucht und dort Bestechungsgelder sichergestellt hatte, wäre als Nächstes Erdoğans Haus an der Reihe gewesen. Als Erdoğan von der Razzia erfuhr, rief er sofort seinen Sohn Bilal an. Dieses Telefongespräch vom selben Morgen geriet ebenfalls in die polizeiliche Überwachung und ging in die politische Geschichte ein. Der Ministerpräsident forderte seinen schlaftrunkenen Sohn auf, das Geld im Haus „zu nullen“, während dieser, noch ohne zu begreifen, was geschah, immer wieder nach Einzelheiten fragte. So sehr, dass sich aus diesem Gespräch ein fester Ausdruck im politischen Sprachgebrauch entwickelte: Etwas so erklären, als erkläre man es Bilal. Nachdem Bilal Erdoğan vollständig wach war, verteilte er in Panik das Geld an befreundete Familien. Als auch das nicht ausreichte, sagte er zu seinem Vater: „Wir konnten es noch immer nicht nullen. Es sind noch etwa dreißig Millionen Euro übrig.“ Aus dem Telefonat und aus späteren Dokumenten ging hervor, dass mit den an diesem Tag verbliebenen dreißig Millionen Euro hastig sechs Wohnungen in einer Luxuswohnanlage eines regierungsnahen Geschäftsmanns gekauft wurden.
Dennoch führte es weder bei Erdoğan noch seinem Sohn zu Konsequenzen. Zwar wurden die Minister aus ihren Ämtern entfernt, doch sie blieben straflos. Bestraft wurden allein die Polizisten, welche die Telefone abgehört hatten, die Staatsanwälte, die die Ermittlungen führten, und Journalisten wie ich, die über den Vorgang berichteten. Die Angelegenheit wurde zu den Akten gelegt.
Zwölf Jahre später, heute, wird angesichts des gesundheitlich angeschlagen wirkenden Erdoğan darüber diskutiert, wer seine Nachfolge antreten könnte. Als aussichtsreichster Kandidat für den Thron gilt dabei sein Sohn Bilal. Das ist zugleich Ausdruck einer Sehnsucht nach der vom Vater auf den Sohn übergehenden osmanischen Dynastie und ein Beleg dafür, dass sogenannte Familiengeheimnisse niemand anderem anvertraut werden können. Bilal Erdoğan bestätigt diese Gerüchte nahezu, indem er trotz fehlender offizieller Funktion immer häufiger bei formellen Treffen auftaucht. Kann die hundertjährige Republik zu der dynastischen Tradition eines gescheiterten Imperiums zurückkehren? Kann Bilal Erdoğan den Thron seines Vaters ausfüllen? Wer diese Fragen stellt, erhält meist dieselbe Antwort: Kannst du mir das bitte so erklären, als würdest du es Bilal erklären.
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