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Fest steht, dass Özdemir unter konservativen Türken in Deutschland kein populärer Politiker ist. Ein Grund sind seine scharfen Kritiken an der Regierung Erdoğan. Ein anderer ist seine Rolle im Jahr 2016, als er im Bundestag die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern vorantrieb. Erdoğan reagierte damals mit den Worten: „Was für ein Türke? Sein Blut müsste im Labor untersucht werden.“ Eine klar rassistische Äußerung.
Wie Erdoğan neigen auch viele Menschen mit türkischen Wurzeln dazu, Özdemir nicht als deutschen Politiker zu sehen, sondern als „echten Türken“. Deshalb erwarten sie von ihm, dass er wie ein Anwalt der türkischen Regierung auftritt. Tut er das nicht, reagieren sie mit Ablehnung. Vor der Wahl entsandte Ankara einen Vertreter des Präsidialamts nach Deutschland, um für die Christdemokraten gegen Özdemir zu werben. Auch Kenan Aslan, Vorsitzender der Union Internationaler Demokraten, einer der AKP nahestehenden Organisation mit Sitz in Deutschland, kritisierte in einem Interview, Özdemir verwende „meist eine kritische Sprache“ gegenüber der Türkei. Anhängern der AKP zu erklären, dass Kritik an der Regierung nicht gleich Kritik an der Türkei ist, bleibt schwierig. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall.
Gleichzeitig hat Özdemirs Sieg bei jenen, die sich für eine demokratische Türkei einsetzen, große Resonanz ausgelöst. Der Wahlerfolg wurde nicht nur als Erfolg eines Politikers mit Migrationsgeschichte gewertet. sondern auch als Niederlage der Erdoğan Lobby interpretiert.
Deutschland ist ein Spiegel der türkischen Politik. Man könnte sogar sagen, ein Spiegel wie im Vergnügungspark, der die Dinge, die er zeigt, leicht überzeichnet. Die Distanz des Lebens in der Diaspora, das Gefühl, von beiden Ländern ausgeschlossen zu sein, und die Suche nach Identität führen dazu, dass politische Themen überhöht wahrgenommen werden. Das begünstigt radikalere Deutungen und Haltungen.
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