|
Den geeignetsten Zeitpunkt für diesen Schritt wählte er am Vorabend eines langen Feiertags. Rückendeckung gab ihm ein Tweet, in dem US-Präsident Trump sich bei ihm bedankte. Und er nutzte einen Verbündeten, den er innerhalb der CHP gefunden hatte. Dem früheren Parteivorsitzenden Kemal Kılıçdaroğlu, der dreizehn Wahlen verloren hat, wies er die Rolle des Trojanischen Pferdes zu. Um Özgür Özel auszubremsen, den neuen CHP-Vorsitzenden, der die Partei auf einen Schlag im Aufwind hatte, ließ er dessen Wahl auf dem Parteitag durch den Beschluss eines örtlichen Gerichts annullieren. In Ankara, das im Halbschlaf des langen Feiertagsvorabends lag, stürmte die Polizei die Parteizentrale. In einer für die türkische Politikgeschichte beispiellosen Weise besetzten die Beamten das Gebäude, setzten Tränengas ein, brachen das Parteitor auf und überwanden die errichteten Barrikaden. Nach stundenlangem Widerstand musste Özgür Özel die Zentrale schließlich verlassen.
Doch damit endete der Tag noch nicht: Özel, der Erdoğan die erste Wahlniederlage seines Lebens beschert hat, kündigte beim Verlassen seines Parteisitzes an, den Kampf von nun an im Parlament und auf den Plätzen fortzuführen. So hat die Regierung den Widerstand, den sie niederringen wollte, mit eigener Hand auf die Straße getragen.
Wie es weitergeht, bleibt offen: Dieser Justizputsch könnte die CHP, statt sie wie beabsichtigt zu zersetzen, erst recht zusammenführen. Die vollständige Außerkraftsetzung des Rechts könnte die übrigen Parteien zu einer Oppositionsfront vereinen. Und die Bevölkerungsschichten, die der CHP ihre Stimme und ihre Hoffnung gegeben haben, könnten sich gegen die Missachtung ihres Votums auflehnen.
Andererseits könnte das Palastregime die Zügel noch weiter anziehen. Den CHP-Vorsitzenden, der mit jeder Krise an Stärke gewinnt, könnte es ebenfalls inhaftieren lassen. In dem Bewusstsein, dass der Westen die Türkei als Verteidigungspartner braucht, und im Glauben, auf keinerlei Widerspruch zu stoßen, könnte es die parlamentarische Demokratie vollständig aussetzen. Doch leicht wird es das Regime nicht haben: Der 72-jährige Erdoğan und sein 78-jähriger nationalistischer Bündnispartner werden sich schwertun, gemeinsam mit dem 77-jährigen früheren CHP-Chef gegen den dynamischen, 51-jährigen Özel zu bestehen. Jeder Zug des Palasts bringt diesen der Führung der neuen Türkei ein Stück näher.
|