|
Alican ist in der vergangenen Woche im Morgengrauen von einer Hausdurchsuchung überrascht worden. Zehn zivile Polizeibeamte nahmen ihn fest, ohne ihm Zeit zu geben, sich anzuziehen, und führten ihn unter den Tränen seiner beiden Kinder ab.
Offizielle Begründung: In seinen Beiträgen in den sozialen Medien habe er den Präsidenten beleidigt und irreführende Informationen verbreitet. Die Staatsanwaltschaft verkündete, der Verdächtige sei in Ankara festgenommen worden. Jemanden, der jeden Tag regulär zur Arbeit geht und auf eine Vorladung der Staatsanwaltschaft innerhalb weniger Stunden erscheinen würde, aus dem Bett zu holen und dies dann als Festnahme zu inszenieren, ist nichts anderes als ein offener Versuch der öffentlichen Diskreditierung.
Ich habe mir die X Beiträge angesehen, die Alican zur Last gelegt werden. Eine Beleidigung ist darin nicht zu finden. In einem schreibt er, das Palastregime habe einen umfassenden Plan ausgearbeitet, um Erdoğan im Amt zu halten. In einem anderen erklärt er, Erdoğan versuche, die an der Wahlurne verlorene kommunale Macht mithilfe der Justiz zurückzuerlangen. Außerdem stellt er die Frage, wie es sein kann, dass sechs IS Mitglieder, die im Prozess zum Anschlag am Atatürk Flughafen mit insgesamt mehr als 2000 Jahren Haft verurteilt worden waren und bei dem 45 Menschen ums Leben kamen, wieder freigelassen wurden.
Alican weiß ebenso wie wir, dass der eigentliche Vorwurf nicht Beleidigung lautet. Präsidentenbeleidigung zählt zu den am häufigsten herangezogenen Begründungen bei politischen Verhaftungen. Im Kern geht es darum, oppositionelle Stimmen zum Schweigen zu bringen, Unbeugsame zu inhaftieren und all jene einzuschüchtern, die noch den Mut haben zu sprechen.
In seiner ersten Aussage erklärte Alican: Wenn Kritik am Präsidenten Gefängnis bedeutet, wozu gibt es dann eine Verfassung? Später ließ er ausrichten: In diesem Land ist der Platz für Journalisten entweder das Grab oder das Gefängnis. Ich beklage mich nicht. Ich habe den Journalismus nicht verraten. Ich habe meinen Stift nicht verkauft. Ich habe mich nicht aus Angst gebeugt. Wenn ein Preis zu zahlen ist, bin ich bereit. Notfalls sollen meine Kinder ohne mich aufwachsen, doch ich bleibe meiner Linie treu. Sagt meinen Kolleginnen und Kollegen, sie sollen aufrecht bleiben. Ich habe nicht geschwiegen und ich werde nicht schweigen.
So verteidigen Journalistinnen und Journalisten in der Türkei ihren Beruf und ihre Freiheit: indem sie den Preis tragen, Haft auf sich nehmen und dennoch standhaft bleiben. Ist diese Verhaftung auch als Signal an die Deutsche Welle gedacht? Sollte das so sein, bleibt zu hoffen, dass auch sie die Pressefreiheit mit derselben Entschlossenheit verteidigt wie Alican.
|